18. Juni 2020

Kommentar zur Corona-App

Ein Kommentar von Dr. Christian Schönberg

Die Corona-App der Bundesregierung ist nun – mit der in Digitalisierungsfragen üblichen deutschen Verspätung – an den Start gegangen. Lange wurde von vielen Seiten über den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte diskutiert. Die wichtigste Frage ist dabei aber untergegangen: Kann die App überhaupt leisten, was sie soll, nämlich einen echten Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leisten und die Bürger (m/w/d) im Umgang mit dem Virus unterstützen?

Die kurze Antwort lautet: Nein! Das liegt nicht daran, dass die App, die den Steuerzahler immerhin 20 Millionen Euro gekostet hat, schlecht programmiert wäre. Im Gegenteil, nach bisherigem Stand der Analyse ist die App so gut geworden, wie die Technik es zulässt. Aber da kommen wir auch schon zum Problem: Moderne Smartphones sind bei der Bestimmung, wie nah sich zwei Menschen kommen (zumindest im geographischen Sinne), viel zu ungenau. So wird jemand als Kontakt gezählt, der von mir durch eine solide Mauer getrennt ist (oder sich gar in einem Stockwerk über oder unter mir aufhält). Gleichzeitig wird jemand, der mich direkt anhustet, vielleicht nicht erkannt, weil die Technik mich im Gebäude gerade nicht genau verorten kann.

Damit gibt es im doppelten Sinne eine hohe Fehlerquote: Zum einen werden viele Kontake identifiziert, die gar nicht zu einer Infektion führen können. Und zum anderen werden viele Kontakte, die tatsächlich ein großes Risiko darstellen, überhaupt nicht erkannt. Und das gilt selbst dann, wenn wirklich alle Bürger diese App verwenden würden. Selbst Singapur, das sehr früh und sehr aggressiv auf eine App gesetzt hat, kam nie auch nur annähernd an die nötige Verbreitung der App heran. Mittlerweile ist Singapur auch wieder von dieser Lösung abgerückt. Aber selbst wenn die App einen Kontakt korrekt identifiziert, so werde ich nur gewarnt, wenn der Infizierte sein Testergebnis selbst (freiwillig und technisch umständlich) eingibt. Das ist aus Sicht des Datenschutzes natürlich sinnvoll, führt aber die Funktion der App endgültig ad absurdum.

Was heißt das nun konkret? Stellen Sie sich vor, Sie nutzen die App. Jetzt sagt Ihnen die App, dass kein kritischer Kontakt festgestellt wurde. Sind Sie nun sicher? Können Sie nun auf Vorsichtsmaßnahmen verzichten? Natürlich nicht! Sie müssen sich genau so verhalten, als hätten Sie die App nicht, weil Sie sich auf deren Aussage nicht verlassen können.
Und umgekehrt, wenn Ihnen die App sagt, dass sie möglicherweise Kontakt zu einer infizierten Person hatten? Lassen Sie jetzt alles stehen und liegen und verbarrikadieren sich für zwei Wochen im stillen Kämmerlein? Natürlich nicht! Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich tatsächlich angesteckt haben, ist viel zu gering, um so einschneidende Maßnahmen zu rechtfertigen (zumindest im Allgemeinen). Und nachdem es selbst bei der höchsten Warnstufe keinen verbindlichen Anspruch auf einen Test gibt (anders als von der Bundesregierung ursprünglich angekündigt), ist die Warnung eine Farce.

Welchen Grund sollte es also geben, diese App zu verwenden? Man könnte höchstens argumentieren, dass sie ja zumindest nicht schadet. Das stimmt aber leider so ohne weiteres auch nicht. Zum einen gibt es selbst bei der Einhaltung höchster Sicherheits- und Datenschutzstandards immer noch ein Restrisiko: Nichts ist absolut sicher, und auch in dieser App werden wahrscheinlich noch Fehler gefunden werden. Schlimmer noch: Zumindest unter Android muss man generell die Standortbestimmung einschalten, ohne die funktioniert die App nicht. Die Standortdaten können dann aber auch von anderen Apps, insbesondere von Googles hauseigenen Anwendungen, verwendet werden. Und nicht zuletzt: Wir müssen immer aufpassen, welche Tore und Türen wir öffnen. Es geht hier immerhin um die Nutzung von sehr persönlichen Daten. Die Nutzung der App soll daher komplett freiwillig sein – in ein Gesetz wollte die Bundesregierung diese Forderung verschiedener Parteien aber vorsichtshalber nicht gießen. Die ersten Unionspolitiker haben im Gegenteil bereits Sonderrechte für Nutzer der App ins Spiel gebracht (umgekehrt könnte man das auch als Strafe für Nicht-Nutzer bezeichnen). Und das, obwohl gerade viele Unions-Wähler überhaupt kein Smartphone besitzen und so von vorneherein von der Teilhabe ausgeschlossen sind.

Wir sollten der in Deutschland weit verbreiteten Technikskepsis mutig gegenübertreten und alte Vorgehensweisen hinterfragen. Aber forcieren sollten wir neue Technik doch bitte nur dort, wo sie tatsächlich einen Vorteil mit sich bringt. Sonst fühlen sich in ein paar Monaten, wenn sich die Ernüchterung über die App breit macht, wieder die bestätigt, die von Anfang an grundsätzlich gegen alles Neue sind. Und das wäre schade.

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